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Sonntag, 03. Dezember 2006
Und das Schöne ist: Ich bin zu alt und habe zu wenig Talent, um jemals ein “Großer” im Aikido zu werden, und trotzdem geh ich da so meinen Weg.

Und das Schöne ist: Ich bin zu alt und habe zu wenig Talent, um jemals ein “Großer” im Aikido zu werden, und trotzdem geh ich da so meinen Weg.
Wie man rechten Rand dieser Seite sieht, habe ich meine Notizen zu den Aikido-Techniken, die ich gerade lerne, öffentlich auf die Website gepackt. (bis ich herausgefunden habe, wie man Wordpads Kommentar-Funktion auch für “Seiten” bekommt, hoffe ich auf Kommentare an diesem Eintrag hier - ich will ja wissen, was Du (ja genau Du) darüber denkst!).
Was mich umgehauen hat: Wenn man bei google die Namen der Techniken eingibt (z.B. “irimi nage” oder “shiho nage”), erscheinen meine Seiten weit vorn! Und das, obwohl (soweit ich weiß) niemand auf diese Seiten verlinkt. Gibt es wirklich so wenig Aikido im Netz? Oder ist die Idee, die Techniken beschreiben zu wollen, derart abwegig?
“Das kosmische Schwert hat viele Möglichkeiten der Anwendung, die nur mündlich weitergegeben und im wirklichen Training gezeigt werden können” (Ueshiba in “Budo”). Ich hoffe, auch wenn man Bewegungen nicht aus Text lernen kann, hilft Text, sich an das Gelernte zu erinnen. Genau wie Bilder, Rückfragen, Videos, und all die anderen schönen Dinge, die das Netz heutzutage bietet.
Letztens unterhielt ich mich mit Ronald über die verschiedenen Aikido-Schulen, die es in Deutschland gibt. In unserem Dojo hängen auch Lehrgangsausschreibungen anderer Schulen aus. Ich hatte mich gewundert, woher einige der Lehrer einen sechsten oder siebten Dan hätten, und fragte mich, ob das denn ein “echter” Dan sei oder ein quasi selbst verliehener. Ronald kommte mich beruhigen, dass auch diese Dan-Grade letztlich auf das honbu dojo zurückgehen, aber, und da kommen wir endlich zum interessanten Teil,
“Du könntest hier im Garten ein Dojo aufmachen und anfangen, Dan-Grade zu verleihen, und niemand könnte Dich davon abhalten. Du könntest es sogar Aikido nennen.”
Man muss halt nur genug Mitspieler finden, um einen glaubwürdigen Rahmen für die Gemeinschaft zu schaffen. Credibility wird oft über Lehrer-Schüler-Ketten vom O’Sensei weitergereicht, Genealogie ist auch wichtig. Bei anderer Gelegenheit ist auch der Staat ein wichtiger Mitspieler. Der vielleicht offiziellste technische Maßstab ist der aktuelle Doshu im honbu dojo, aber der ist weit weg. Das in vielen Kampfkünsten (wie auch in der Wirtschaft) gern bemühte Kriterium der Effektivität, praxistauglichkeit etc. ist gerade im Aikido kaum messbar.
Was Original ist, was zeitgemäße Weiterentwicklung, was persönlicher Stil, körperliche Eigenart, Eklektizismus, unheiliger Mischmasch, Ego-Trip, Esoterik,… das scheint im Deutschen Aikido tatsächlich Geschmacks- und Verhandlungssache zu sein. Das Entscheidende für eine reichhaltige und langfristige Entwicklung ist wohl einfach, gut eingebunden zu sein.


“Du musst Dich dabei nicht verdrehen, Du kannst Dich auch einfach drehen.”
(einer meiner Trainingspartner)
“And so the median language, meaning whatever language the median programmer uses, moves as slow as an iceberg. [...] Obviously, the median language has enormous momentum. I’m not proposing that you can fight this powerful force. What I’m proposing is exactly the opposite: that, like a practitioner of Aikido, you can use it against your opponents.”
“[...] when our hypothetical Blub programmer looks in the other direction, up the power continuum, he doesn’t realize he’s looking up. What he sees are merely weird languages.”
Paul Graham (April 2001, but current as ever)
I sat with Ben and Will on the train and Ben returned to a constant theme: how the whole course was just brainwashing.
‘But you knew that at the beginning,’ I countered.
‘I know, but it’s different from how I imagined.’
‘How?’
‘It’s working. I didn’t think it would work, but it’s working. I think I’m becoming a violent bastard.’
‘Don’t worry,’ said Will, ‘you’re still a wimp.’
Robert Twigger, Angry White Pyjamas.
Nennen wir ihn mal V: V hat den 2.Dan im Aikido. Er hat schätzungsweise zehn Jahre in Aikido investiert, mit regelmäßigem Training mehrfach die Woche. Als ich mich mal beklagte, dass ich nicht vorankomme mit meinen Bewegungen, meinte er: “Wenn ich so wenig trainieren würde wie Du, würde es mir auch keinen Spaß machen”.
Ich bewundere Menschen, die Meisterschaft auf einem Gebiet erreichen. Die Kombination aus Talent, Erfahrung, Konzentration, Priorisierung führt zu einer einfach beeindruckenden Haltung: Abwägend, aber trotzdem klar, fundiert, entschieden, nicht vorschnell, und viele gute Dinge mehr. Wichtigste und wesentliche Vorraussetzung, so dachte ich immer, ist, dranzubleiben. Immer einen Weg zu finden, weiterzumachen, sich nicht entmutigen zu lassen, immer die Augen offenzuhalten, wo noch was geht.
Wie ich am Beispiel V. jetzt feststelle, kann es trotzdem irgendwann vorbei sein. V. kann nach einem Kreuzbandriss und einer Meniskusoperation die fürs Aikido nötigen Bewegungen einfach nicht mehr machen. Er meinte dann auch mal, einige Bewegungen “hätten ihm immer irgendwie wehgetan”.
In Zeiträumen wie “10 Jahre” denkt man selten. Ich habe jetzt gelernt: Über die Jahre addieren sich nicht nur die Erfahrungen, sondern auch der Verschleiß.
Beim Fallen geht es im Aikido darum, das unvermeidliche zu akzeptieren und aktiv mitzugestalten.
Wenn ich (richtig) geworfen werde, führt jeder Versuch, mich zu sperren, nur zu Schmerzen. Der Werfende ist im wahrsten Sinne des Wortes am längeren Hebel: Große Muskeln gegen kleine Muskeln, Gelenke im optimalen Funktionsbereich gegen Gelenke am Limit, stabiler Stand gegen unsicheres Gleichgewicht.
Nach unten geht es so oder so; oder vielleicht bleibe ich oben, um den Preis, dass meine Sehnen überdehnt werden. (Oder beim Aikido-Training wahrscheinlicher: Der Werfende bemerkt rechtzeitig, dass ich nicht mitgehe, und bricht die Übung ab.)
Mit einem klaren Bild davon, wie man heil nach unten kommt, bleibt man erstens unverletzt und zweitens nicht lange unten. Die Rollen im Aikido sind darauf ausgelegt, einen möglichst schnell wieder auf die Beine zu bekommen, um erneut angreifen (oder fliehen) zu können. Und auch im Aikido gibt es Gegentechniken: Wenn ich als Fallender so gut mitgegangen bin, dass ich meine Integrität (R.Keller) bzw. Souveränität (W.Sambrowski) gewahrt habe, bin ich in der Position, eine Schwäche des Werfenden zu nutzen und die Rollen umzukehren.
Fallen erfordert Mut. Die Demut, zu akzeptieren, dass man nicht aufrecht stehenbleiben kann; die Zuversicht, mit der Situation umgehen zu können; das Vertrauen in den Werfenden, dass er mich wirklich werfen will (und kann) und nicht meine Gelenke kaputtmacht (mit oder ohne Absicht); die Selbstachtung, selbst im freien Fall nicht alles aufzugeben; und die Bescheidenheit, nicht möglichst hart und spektakulär, sondern möglichst sanft zu landen.
“Da kann man mal drüber nachdenken.” (R.Kügler)
Durch seinen Angriff schafft der Angreifer eine Verbindung, die ihn in eine Abhängigkeit bringt. Der Angriff führt mit verfestigtem Willen auf ein Ziel, das der Angegriffene vorgibt - nämlich den Angegriffenen selbst.
Im Aikido nutzen wir das ganz praktisch aus. Die Ausweichbewegung wird so gestaltet, dass der Angreifer sich immer tiefer verstrickt. Um in seinem Angriff erfolgreich zu sein, muss der Angreifer kleine Bewegungen des Verteidigers ausgleichen. Aber wie lange ist eine Bewegung noch klein? Die Ausweichbewegung beginnt ganz sanft und führt zu einer ebenso sanften (und unbewussten) Korrektur beim Angreifer, die ihn aber zunehmend von der ursprünglichen Bahn abbringt. Wenn der Angreifer dennoch am Ball bleibt, befindet er sich irgendwann komplett unter Kontrolle des ursprünglich Angegriffenen. Wenn er den Angriff abbricht, läuft er Gefahr, mit seinem Rückzug auch gleich einen Gegenangriff mitzuziehen, denn die Verbindung besteht ja noch.
Das ist so die Theorie, und das wird auch geübt.
Der Sog ist spürbar. Als Angreifer willst Du greifen, schlagen, halten, und findest nur ein Loch, wirst emporgezogen, gedreht, und alles ohne eine Kraft zu spüren, gegen die Du Dich wehren könntest.
Die Verbindung funktioniert manchmal. Aber wenn der Angreifer zu starr ist, ist es schwer, ihn mitzunehmen. “Du fällst wie eine Eiche”, sagt Ronald zu meinem Trainingpartner, nachdem der voll gegen meinen ausgestreckten Arm gelaufen und umgefallen ist. Entweder braucht man für solche Fälle harte Gegentechniken - wer starr ist, lässt sich ja gut als ganzes “Werkstück” bearbeiten - , oder man muss Wege finden, auch den verhärtetsten Gegner aufnehmen zu können.