Archiv für die Kategorie ‘Aikido’

Bis an die Grenze gehen muss nicht weit sein

Sonntag, 10. August 2008

“Wenn Du nicht bis an Deine Grenzen gehst, findest Du auch nicht heraus, wo sie sind” - so ähnlich kommentierte Tom vor einer Weile, als ich mir auf der Matte zu viel zugemutet hatte. Das hört man gern, schwingt doch eine abenteuerlich-heroische Komponenten mit - “an seine Grenzen gehen”, das ist kurz vor “where no man’s gone before”.

In letzter Zeit suche ich ausserhalb des Dojo, beim Inline Skaten, Skilaufen, Schwimmen, Klettern, Fahrradfahren, Laufen, Kickern. Und stelle fest: Das Abenteuerlich-Heroische kann sich schnell verflüchtigen, wenn offenbar wird, wo die Grenzen tatsächlich liegen. Insbesondere, wenn anderer Leute Grenzen ganz woanders liegen - Du stellst fest: Hey, ich bin ja wirklich schlecht. Was für Dich ein Riesen-Schritt ist, wird bestenfalls belächelt oder als Präludium zu den echten Leistungen gesehen.

Beim Schwimmen ist es für mich schon eine Herausforderung, nicht in blinde Panik zu verfallen, wenn ich mich verschlucke. Mein erster Köpfer (im zarten Alter von 34 Jahren) war aufregender als alle Horrorfilme meines Lebens zusammengenommen. Sicherlich eine ehrenhafte Sache, diese Grenze zu finden und zu überwinden, aber geht es beim Schwimmen nicht um etwas ganz anderes? Geschwindigkeit, Ausdauer, optimaler, effizienter Krafteinsatz, Wasser “greifen”, Dreierzug, Tauchwende,…

Das gleiche ließe sich von allen anderen Sportarten erzählen: Man ist stolz, mit Toprope die 5er-Tour geklettert zu sein, und sieht dann einen Spiderman im Vorstieg an der Decke der Halle turnen. Mit Inline-Skates bergab fahren und dabei auf der Bremse stehen ist schon ein Nervenkitzel, hat aber wenig mit einem Salto in der Halfpipe zu tun. Langlauf-Ski sind schon echt glitschig und kriegen bergab ganz schön Fahrt drauf, aber Abfahrt über schwarze Pisten ist doch noch eine Nummer härter. Etc. etc.

Was mich reizt, sind die Dinge, die ich gar nicht kann, die ich noch nie selbst gemacht habe. Beim allerersten Versuch stellt sich eine alle Systeme erfassende Angst ein, der ganze Körper schreit “aber ich weiss doch gar nicht wie das geht” oder sogar “mach das bloss nicht, dabei kann man sich wehtun“, und dann machst Du es und es geht doch ein bisschen, und Du merkst, wo es nur der die Angst war, die Dich begrenzt, und beim nächsten Mal geht ein bisschen mehr. Und irgendwann ist dann der Punkt erreicht, wo Du merkst: jetzt läuft es, ab jetzt ist es nur noch Arbeit.

Und dann suche ich mir etwas Neues, denn es gibt so viele viel näher liegende Dinge, vor denen ich Angst habe.

Hinter der ersten hohen Schwelle kommen in jeder Richtung sicherlich noch viele weitere, anspruchsvollere Grenzen; und vielleicht zählt es im Vergleich mit anderen mehr, weiter gekommen zu sein, die Grenze noch höher gesteckt und erreicht zu haben; aber für das eigene Leben bringt es einfach mehr, eine Grenze anzugehen, die so naheliegt, dass man sie anderen gegenüber kaum zugeben möchte, vielleicht nicht einmal sich selbst gegenüber.

Das sind die Grenzen, hinter denen ganz neue Räume liegen. Keine menschenleeren “where no man’s gone before”-Räume, sondern im Gegenteil, Räume mit Menschen, für die das ganz normal ist, die vielleicht gar nicht mehr wissen, dass es da mal eine Schwelle zu überwinden gab.

Echt

Montag, 24. März 2008

Am Ostermontag, dem letzten Tag des Lehrgangs, habe ich wieder gesehen, weshalb es sich lohnt, über Jahrzehnte dranzubleiben. Silke Makowski machte den vierten Dan, und durfte Gegentechniken, Verkettungstechniken und ein Randori gegen fünf Angreifen zeigen (in jedem Fall: “Angriff frei, Technik frei”). Man muss sich das vorstellen als eine fliessende Abfolge von ineinander übergehenden Bewegungen, die jeweils einzeln einen Namen hätten, aber mit einer solchen Selbstverständlichkeit in die Situation eingepasst werden, dass es schwerfällt, einen Anfang und ein Ende zu benennen.

Budo-Choreographie von diesem Kaliber kenne ich sonst nur aus dem Kino, Aikido von diesem Niveau vielleicht von ein paar Videos mit weit entrückten japanischen Großmeistern. Auf Lehrgängen und im normalen Unterricht werden die Techniken stets fein säuberlich zerlegt, ein quasi gleichberechtigtes Miteinander von hohen Danträgern ist da selten zu sehen.

Das tolle am Osterlehrgang ist, dass alle Dan-Grade zum Anfassen da sind: Mit derselben Silke hatte ich noch am Tag vorher an einer Technik geknobelt (”hat er das jetzt so oder so gezeigt?”). Es sind eben nicht Leinwandhelden, sondern alles ist echt, echte Menschen, die mit Talent und Commitment über lange Jahre dem Weg des Aikido gefolgt wird.

Schon nach wenigen Jahren

Samstag, 22. März 2008

Wie schon letztes Jahr hatten wir heute wieder einen sehr langen Tag lang Nikkyo im Programm. Mittlerweile hat sich wenigstens eines meiner Handgelenke an die Behandlung gewöhnt.

Asai meint, Nikyo sei für Anfänger sehr schmerzhaft, aber für die Dan-Träger und die fortgeschrittenen Kyus, die “schon ein paar Jahre trainieren”, sollte mehr gehen (”Geben sie volle Kraft!”). Und tatsächlich kann man diese Entwicklung, gestaffelt nach Kyu- und Dan-Graden, auf der Matte beobachten.

Was mich daran so fasziniert ist, dass offenbar bei regelmäßigem Training ein schleichender Umbau des Körpers stattfindet, der mehrere Jahre braucht und auch nicht schneller zu haben ist. Es ist nicht nur so, dass der Kopf die Bewegung verstehen muss, oder die Motorik geschickter wird, sondern tatsächlich formen sich Sehnen, Bänder und wahrscheinlich sogar die Knochen, um der Belastung entsprechen zu können.

Ich glaube, dass sich das gesamte Körperbild entwickeln muss; um sich in den ungewohnten Bewegungen wieder heimisch zu fühlen, muss sich eine neue einfachst-mögliche Vorstellung bilden (im Sinne von Patterns, Symmetry, and Symmetry Breaking), etwas reichhaltiger und umfassender. Das kann nur passieren, wenn man der neuen Belastung entsprechen will, ihr also positiv gegenübersteht; wenn man dran bleibt und weiter nach einer Lösung sucht; wenn man die alte Situation nicht vergisst, sondern integriert; wenn die neue Situation lange genug besteht, dass man sich darauf einstellen kann; und wenn das Scheitern der bisherigen Vorstellung nicht als ultimatives Scheitern verstanden wird, sondern als Aufforderung.

Kurz gesagt: Anpassung braucht Zeit, und geschieht nur, wenn man mitgehen möchte.

Kleine Ruppigkeiten und kleine Empfindlichkeiten

Freitag, 21. März 2008

Heute (beim ersten Tag des Osterlehrgangs) hat mich wieder beeindruckt, wie viel Spaß die meisten auf der Matte haben, obwohl laufend kleine Ruppigkeiten und Missgeschicke passieren. Man steckt sich den Ellbogen irgendwo, tritt sich auf die Füße, touchiert beim Rollen den Kopf des Nachbarn, zieht mit den Fingernägeln übers Gesicht oder steckt auch mal einen Finger leicht ins Auge, setzt einen Hebel in einer Richtung an, die gar nicht geht, etc.

Und ich meine jetzt nicht die gewollten “Schmerzen” durch Hebel und Fallen. Darauf ist man eingestellt und kann sie auch ganz gut selbst dosieren; das ist dann im besten Fall so schmerzhaft, wie einen Kasten Wasser zu tragen oder eine schwere Tür zu öffnen.

Im “normalen” Leben erlebt man oft genug, dass sich Menschen “auf die Zehen getreten” fühlen. Der sprichwörtliche “Tritt” oder Schritt auf die Zehen ist deswegen so spannend, weil er keinen echten Schaden anrichtet, aber aus Höflichkeit/Respekt doch meistens unterlassen wird. Und weil er meist aus Ungeschicklichkeit oder Nachlässigkeit geschieht, nur selten aus Absicht. Der Unterschied ist reine Deutungssache, und hat viel mit den Empfindlichkeiten und Aggression des Getretenen zu tun.

Wie viel Geschicklichkeit und Rücksichtnahme kann ich vom andern erwarten? Auch für den Trainingspartner gilt: Man ist, wo man ist, nicht weiter, und die Entwicklung braucht Zeit.

Der Zauber des Aikido sorgt dafür, dass wir uns nicht mit eskalierenden Deutung-Verkrampfen-Rache-Spielchen unterhalten, sondern eine Ungeschicklichkeit oder mangelnde Achtsamkeit als solche sehen, darauf hinarbeiten, sie abzustellen, und offen für den eigentlichen Spaß bleiben: gemeinsam eine Bewegung zu meistern und dabei ordentlich “das Ki zu knoten und zu kneten”!

Harmonie bis zum Umfallen

Sonntag, 09. März 2008

“Wir stehen hintereinander, in der gleichen Richtung, mit der gleichen Haltung. Wenn ich jetzt das Bein zurücknehme, fällt er um. Da braucht man gar nicht groß zu ziehen.”

Andreas Jürries erklärt einen Irimi Nage. Dadurch, dass sich die Kräfte harmonisieren, entsteht eine Verbindung, in der sich eine Bewegung direkt auf den Partner überträgt. Und da die Positionen dann doch unterschiedlich sind, fällt der eine, und der andere bleibt stehen.

Mich beunruhigt die Verantwortung, die darin liegt. Je harmonischer die Beziehung, desto mehr bewegen wir einander, und können uns mit kleinsten Gesten zu Boden werfen.

Volle Kräfte voraus!

Freitag, 15. Februar 2008

Es heisst oft, im Aikido solle man keine Kraft einsetzen. Meister Asai sagt: Das ist Quatsch. Im Aikido braucht man sehr wohl Kraft, nur nicht die blockierende, in sich hineinziehende Kraft, sondern eine nach aussen gerichtete (vielleicht könnte man sagen: zielgerichtete, effektive?). Diese Art Kraft kann man voll einsetzen, ohne sich selbst zu verletzen, und da sie klarer daherkommt, fällt es auch anderen leichter, sich darauf einzustellen.

Beim letzten Lehrgang kam mal wieder der Zusatz: “Wenn sie 100 Kraft haben, setzen Sie 100 Kraft ein”. Nun bietet das Japanisch-Deutsche ja Raum für Deutungen - ich hatte das als prozentuale Aussage verstanden (100% geben), habe gestern aber noch eine andere interessante Deutung gehört:

  • Muskelkraft
  • Willenskraft
  • Vorstellungskraft
  • Überzeugungskraft
  • Atemkraft
  • Ki-Kraft
  • Hebelkraft
  • Zentrifugalkraft
  • Gravitationskraft
  • Kraft der Liebe (?)
  • Konzentrationskraft (gibt’s das Wort im Duden?)
  • …etc…

Wir denken einfach viel zu eindimensional.

Control

Samstag, 12. Januar 2008

Kontrollierter Kontrollverlust ist das Thema, das mich beim diesjährigen Deutschlandbesuch von Jorma Lyly am meisten fasziniert hat. Es fing an mit “Off-Balancing Exercises”: Der eine greift den anderen, z.B. am Unterarm, und hält den Kontakt, die Füsse dürfen sich nicht bewegen. Der Gegriffene fühlt sich in den Greifenden ein und führt ihn dann zu Boden. Das geht erstaunlich leicht.
Das englische Wort finde ich super gewählt: Es ist eben nicht nur eine Gleichgewichtsübung, sondern insbesondere eine Gleichgewichts-Verlust-Übungen, und auch eine Aus-dem-Gleichgewicht-Bring-Übungen.
Jorma führte diese Technik mit vielen verschiedenen Partnern vor. Anfänger fallen generell plötzlicher und härter als die Fortgeschrittenen. Anfänger neigen dazu, zu viel Kraft aufzuwenden, um genau ihre Position zu halten; sobald das nicht mehr möglich ist, entlädt sich diese Kraft in einem heftigen (und steifen) Fall.
Jorma gab uns mit auf den Weg, dass man nur etwas lernen könne, wenn man bereit sei, sich aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Das Straucheln, Rudern, Stolpern ist eine Suchbewegung, in der man ein neues Gefühl finden kann. Wer sich zu sehr in seiner Stabilität verkriecht, bleibt auch darin gefangen, und fällt im Zweifelsfall mit Klirren und Krachen.
Gibt es einen Trick? Vielleicht: den Kontakt, der zu einer fliessenden und unmittelbaren Bewegung aus dem eigenen Zentrum heraus führt. Zusammen mit einem guten Wissen über das, was überhaupt physikalisch möglich ist, wohin der andere also mitgehen kann und wird. Dieses leitende, wendende Mitgehen macht ruckhafte Reaktionen unnötig. Wenn man dann irgendwann mal einen Zugang dazu findet.

Grad

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Merke: Zwischen zwei Graden gibt es immer einen Ungraden.

Ohrwurm, Armwurm

Freitag, 21. September 2007

Wer kennt ihn nicht, den Ohrwurm: Ein Lied hat sich im Kopf eingenistet und läuft auf “Heavy Rotation” wie ein Hit im Radio - unwillkürlich geht der Geist den Song immer wieder durch, man hat das Gefühl, den Song fast zu hören.
Als ich letztens zur Arbeit marschierte, fiel mir auf, wie da so ein eigenartiges Gefühl von meiner einen Hand zur anderen und zurück wanderte. Der ganze Arm wurde abwechselnd total leicht, als wollte er hochschweben, und gehorchte dann wieder der Gravitation. Spooky. Was war da los? Am Tag vorher hatte ich mit dem Stock geübt, und mein Körper war wohl immernoch so begeistert davon, wie sich das Bewegungsmuster anfühlt.
Das ist toll. Ich mag es, wenn die Vorstellung so klar wird, dass sie direkt zum Abruf bereitsteht. Nur blöd, wenn der eine Song, die eine Bewegung so übermächtig wird, dass sie den Geist gefangennimmt und man willenlos gerade diese Prozedur weiter abspulen muss. Da hilft nur: Ganz ganz viele Prozeduren gleichzeitig präsent haben. Und dafür hilft nur: eine nach der anderen tief verinnerlichen. Immer weiter üben.

Ki in die Beine schicken!

Montag, 20. August 2007

Vier Wochen lang habe ich jetzt das Aikido-Training geschwänzt… Und bin auch noch stolz drauf: auf einen Durchschnitt von über 35km/h auf 100km bei meinem ersten Radrennen, mit einer Zeit unter drei Stunden (2:48:30) und einer Platzierung oberhalb des Altersklassen-Durchschnitts. Das war natürlich nur möglich, weil meine Teamkollegen mich so kräftig gezogen haben - wir sind tatsächlich bis zur Köhlbrandbrücke zusammengeblieben. Für die Aussicht oben habe ich mir dann etwas mehr Zeit genommen…

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Zustand “Fahrradrennen” süchtig macht. Wenn alle um Dich herum über 40 km/h auf ebener Erde fahren, findest Du’s irgendwann total normal - Dank Windschatten und passender Ausrüstung kann das geradezu gemütlich sein. Das Gefühl, in einer Rotte gleichgesinnter ungestört von Ampeln und Autos über breite und gut asphaltierte Straßen zu sausen, ist kaum zu beschreiben. Es geht auf jeden Fall schnell, und ist dann viel zu schnell vorbei.

Wir fahren!

Sobald ich mich ein bisschen erholt hab geht’s aber zurück ins Dojo - um mal die unwichtigsten Gründe zu nennen: mein geliebtes Aikido tut was für den ganzen Körper und nicht nur für die Beine, die Stürze sind kontrollierter, und man kann trotz Hamburger Schmuddelwetter regelmäßig trainieren.